King Küng und Mixtapes

 

Mixtapes — die älteren Semester unter uns mögen sich erinnern — waren Musikkassetten, die man selber aufnahm, vom Radio oder vom Plattenspieler, gerne auch mit eigenen Ansagen vor den Songs mit vielen «Ähs» und «Öhs». Man beschriftete die Kassette und gestaltete die Hülle in mehr oder minder aufwendiger Manier. Man produzierte ein Mixtape für… nun ja, meistens für ein Mädchen, das man beeindrucken wollte. Oder für die Fahrt in die Ferien — man stellte sich vor, zu Hause auf dem Hosenboden hockend, welche Musik gut aus den Walkmankopfhörern klingen und zur vorbeiziehenden Landschaft auf der anstehenden Interrailreise Richtung Hammerfest passen würde.
Es war eine grossartige Zeit, die Zeit der Kompaktkassette. Aber sie ging vorbei.
Als das Brennen von CDs stubentauglich wurde, beschaffte ich mir sogleich die nötige Technik, die anfangs noch erschreckend teuer war (und mir so in meinem Freundeskreis zu einem Technologievorsprung und einer anfänglichen Monopolstellung verhalf). Seit man mit Computern einfachst und günstigst Musik brennen kann, brenne ich mit Computern Musik, so wie alle anderen auch, obwohl ich immer fand, dass die Begriffe «brennen» und «Computer» nicht zueinanderpassen. Ein Feuer brennt — und das ist gemütlich. Ein Computer ist niemals gemütlich, sondern nur nervig.
Ich brenne also CDs für Leute, die ich gerne habe, die zum Beispiel in einer fernen Stadt leben, die auf eine Reise gehen und Musik brauchen, um die Leere eines Transatlantikflugs zu füllen, oder als kostengünstiges Mitbringsel (Selbstgebranntes ist günstiger gar als ein Tetrapak Rubi Rosa). Nur fühle ich mich als Benutzer von Computer und iTunes eher wie ein Buchhalter denn wie ein Musikfreund. Ich bin ein Verwalter, kein Gestalter.
Ich war ein grosser Mixtape-Fan; vielleicht sogar ein etwas übermotivierter. Ich war sicher, dass es eine Kunstform war, dass die richtige Zusammenstellung von Songs mehr war als die blosse Summe davon. Also trieb ich es auf die Spitze. Auf dem Flohmarkt kaufte ich die ältesten Kassetten, denn das waren die schönsten. Nur war selbstverständlich das Magnetband der alten Stücke qualitativ nicht mehr auf der Höhe. Mit einem Uhrmacherschraubenzieher öffnete ich die alte Kassette, entnahm das Band, öffnete auch eine hochwertige Neukassette, meist das Modell Maxell XL 2 S, verpflanzte mit chirurgischer Präzision das neue Band ins alte Gehäuse, verschloss dieses und hatte eine einzigartige Kassette, die gut klang und auch noch gut aussah. Was wollte ich mehr?
Nun hat kürzlich jemand zu mir gesagt: Das Mixtape, das kommt wieder. Er hat es gelesen. Er hat es gehört. Ich dachte sofort: Der kann nicht lügen. Und ich dachte: Das wäre gut. Sehr gut sogar. Noch immer kann man nämlich Kassettengeräte in den Unterhaltungselektroniktempeln kaufen, denn es gibt gewisse Kreise, die dem robusten Medium niemals untreu wurden: Musikkonsumenten in und aus Schwellenländern etwa; oder Kinder, die mit Kassetten viel besser umgehen können als mit CDs — und was ist schon eine Kindheit ohne die Erfahrung eines Bandsalates? Wird es einst eine Generation Mensch geben, die sich nicht an den Begriff Bandsalat erinnern mag? Ich hoffe nicht.
Falls das Mixtape zurückkommt: Ich bin bereit — und der Silberstift zum Beschriften der Hülle, der liegt parat.

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